Im April haben wir unseren Reputationsdienst für Absender-Domains in Betrieb genommen. Seitdem fragt unser eigenes Mail-Hosting ihn bei jeder eingehenden Mail ab, als zusätzlichen Faktor im Spamfilter rspamd. Nach einem halben Jahr haben wir die Zahlen aus der Datenbank gezogen – zusammen mit den Einschränkungen, die zu jeder Zahl gehören. Stand aller Werte ist der 12. Oktober 2026.
Worum es geht
Die etablierten Sperrlisten bewerten rückwärts: Spam-Meldungen, Fallen, Beschwerden. Das funktioniert, sobald ein Absender aufgefallen ist. Unser Dienst bewertet vorwärts und fragt: Steht hinter dieser Absender-Domain erkennbar eine echte Organisation – mit Webseite, Impressum, Zertifikat und sauberer Mail-Konfiguration? Das Ergebnis ist ein Score von 0 bis 9 in fünf Klassen, abrufbar per DNS wie jede andere Liste. Er ergänzt die bestehenden Listen, er ersetzt keine.
Das halbe Jahr auf einen Blick
| Abfragen aus dem laufenden Mailbetrieb seit dem 20. April | knapp 97.000 |
| Abfragen an einem Werktag | rund 700 |
| dabei bewertete Absender-Domains | rund 9.500 |
| neue Absender-Domains pro Monat | 1.500 bis 1.800 |
| Zeit bis zur Bewertung einer unbekannten Domain | Median 6,5 s |
| Abfragen mit dem Ergebnis LOW oder BAD | 14 % |
Auf der Statistikseite des Dienstes stehen rund 38.500 bewertete Domains. Davon haben wir rund 28.000 zum Start als Vergleichsbasis aus einer öffentlichen Rangliste großer Websites bewertet. Sie sind in keiner Zahl dieses Artikels enthalten; hier zählt nur, was im echten Mailverkehr ankam.
Jede siebte Abfrage: eine Domain ohne glaubwürdigen Fußabdruck
So verteilen sich die Antworten des Dienstes seit April:
| Klasse | Score | Anteil der Abfragen |
|---|---|---|
| TOP | 9 | 49,9 % |
| HIGH | 7–8 | 15,2 % |
| MEDIUM | 4–6 | 9,4 % |
| LOW | 2–3 | 6,7 % |
| BAD | 0–1 | 7,4 % |
| noch unbekannt | – | 11,4 % |
Die Hälfte der Abfragen betrifft Domains, hinter denen eindeutig ein realer Betrieb steht: große Versender, Behörden, Lieferanten. Jede siebte betrifft eine Domain in LOW oder BAD – keine erkennbare Organisation, nichts, was für den Absender spricht. Das heißt nicht automatisch Spam. Es heißt: Diese Domain hat nichts vorzuweisen, und das ist ein Signal, das sich mit anderen verrechnen lässt.
Genau so setzen wir es ein. In rspamd gibt LOW 4 und BAD 6 Punkte, bei einer Ablehnungsschwelle von 12. Unser Faktor allein weist also nie eine Mail ab. Er kippt eine Entscheidung erst, wenn ein zweites Indiz dazukommt – ein DMARC-Fehler, ein Bayes-Treffer, eine IP auf einer anderen Liste.
Neue Absender: jeder vierte landet unten
In den 14 Tagen bis zum 12. Oktober hat unser Mailserver rund 750 Absender-Domains zum ersten Mal gesehen. 206 davon, gut jede vierte, landeten in LOW oder BAD. In der Nacht zum 12. Oktober waren es 18 neue Domains, sechs davon mit 3 Punkten oder weniger.
Das ist die Lücke, für die der Dienst gebaut ist. Für eine Liste, die auf Meldungen wartet, ist eine Domain ohne Vorgeschichte zunächst unauffällig. Für uns nicht: Eine Wegwerf-Domain hat kein Impressum, keine gewachsene Webseite, kein Zertifikat einer Organisation – und das sieht man am ersten Tag, nicht nach zwei Wochen.
Zur Fairness gehört die andere Hälfte: Neue Domains sind nicht verdächtig, weil sie neu sind. Knapp drei Viertel der Neuzugänge landeten in MEDIUM oder besser, fast jede vierte direkt in TOP – neue Lieferanten, neue Newsletter, neue Kunden.
Bewertet in Sekunden
Fragt ein Mailserver nach einer Domain, die wir noch nie gesehen haben, ist die Bewertung im Median 6,5 Sekunden später fertig, bei neun von zehn Domains nach spätestens 17 Sekunden. Bis dahin entscheidet der Filter ohne diesen Faktor, ab der nächsten Abfrage kommt der Score. Bei einer Spam-Welle mit Hunderten Mails ist damit praktisch die ganze Welle erfasst.
Was die Endung verrät – und was nicht
Aufgeschlüsselt nach Top-Level-Domain, nur Absender aus dem echten Mailverkehr:
| Endung | Absender-Domains | davon LOW oder BAD |
|---|---|---|
| .shop | 333 | 13 % |
| .at | 55 | 18 % |
| .ch | 55 | 20 % |
| .de | 2.197 | 24 % |
| .eu | 123 | 30 % |
| .org | 406 | 36 % |
| .com | 4.154 | 39 % |
| .net | 338 | 45 % |
| .info | 110 | 68 % |
Bei Absendern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz liegt rund ein Fünftel in LOW oder BAD, bei .com sind es knapp 40 %. Die naheliegende Erklärung ist die Impressumspflicht: Im deutschsprachigen Raum muss jede geschäftsmäßige Website offenlegen, wer dahintersteht – und genau das hat eine Wegwerf-Domain nicht. Für Mailserver in der DACH-Region ist das Signal deshalb besonders trennscharf.
Aufschlussreich ist .shop: nur 13 %, weniger als bei .de. Wer online verkauft, muss zeigen, wer er ist. Der Score bewertet also nicht die Endung, sondern das, was hinter der Domain steht. Einschränkung: Grundlage sind die Absender, die unser Mailserver gesehen hat – kein Querschnitt des Webs, und bei .at und .ch eine kleine Stichprobe.
Kein Urteil auf Lebenszeit
Eine Bewertung gilt nicht für immer. Fragt ein Mailserver nach mehr als 14 Tagen erneut, wird die Domain neu bewertet; über 3.200 Domains sind seit April mindestens einmal neu bewertet worden. Mindestens 46 Domains, die zuerst in LOW oder BAD lagen, stehen heute in MEDIUM oder besser, 24 sind den umgekehrten Weg gegangen. Wer eine echte Webseite mit Impressum aufbaut, steigt.
Wie es weitergeht
Die Zahlen in diesem Artikel stammen aus unserem eigenen Mail-Hosting. Als Nächstes wollen wir sehen, wie sich der Score in anderen Umgebungen schlägt – in einem Hochschulnetz oder bei einem Hoster mit deutlich mehr Verkehr. Dafür ist der Pilot gedacht.
Die Einbindung ist bewusst risikoarm: Der Score ist ein zusätzlicher Faktor, kein Sperrkriterium. Und sollte der Dienst einmal nicht antworten, entscheidet der Filter einfach ohne ihn – wie bei jeder anderen DNS-Liste.
Selbst prüfen
dig +short ihre-domain.de.dnsbl.bsnsoft-hostings.de
Die Antwort codiert die Klasse: 127.0.0.0 heißt TOP, 127.0.0.8 und 127.0.0.9 heißen BAD. Ohne Anmeldung gehen 20 Abfragen pro Stunde, im Browser geht es unter dnsbl.bsnsoft-hostings.de. Für rspamd gibt es ein kleines Lua-Plugin, für Postfix und Exim genügt ein Eintrag in der bestehenden Konfiguration – beschrieben auf der Integrationsseite, zusammen mit den empfohlenen Gewichten.
Pilot für Betreiber mit eigenem Mailverkehr
Wir suchen zwei oder drei Hochschulen, Rechenzentren oder Hoster, die den Dienst acht Wochen lang mitlaufen lassen: kostenlos, mit eigenem Abfragekontingent, Einrichtung gemeinsam. Nach vier Wochen schauen wir zusammen auf Treffer und Fehlalarme.